die Stunde eins

Am 8. Mai 1945 kapitulierte Deutschland und der zweite Weltkrieg fand ein Ende.

In den letzten Kriegsmonaten waren durch Luftangriffe der alliierten Streitkräfte hauptsächlich die Städte anvisiert, zurück blieben Trümmer.

In vielen grossen Städten waren 25 Prozent der Gebäude total zerstört und gleichviele wegen Teilzerstörung unbewohnbar. Die überlebende Bevölkerung bestand zu 2/3 aus Frauen und Kindern. Wasser-, Strom- und Lebensmittelversorgung waren kompliziert.

Es bestand Lebensmittelknappheit, die Nahrung wurde per Lebensmittelkarten zugeteilt.

Die Alliierte Hohe Kommission beschloss per Kontrollratsgesetz, die Frauen zur Trümmerbeseitigung und zu Wiederaufbauarbeitenzu verpflichten. Es wurde ein geringer Stundenlohn für diese Arbeit gezahlt, aber es gab eine höhere Lebensmittelration.

 

„Was ging in den Köpfen dieser Frauen vor? War da etwas von dieser Hoffnung auf ein Wunder, wie in dem Film- und Durchhalteschlager, war es der Mut der Verzweiflung oder eine positive Erneuerungskraft, wie sie Ingeborg Bachmann als junge Nachkriegsfrau beschrieb: «Wir hatten das Gefühl,

daß wir alles neu anfangen könnten.» ?„

C. Holler, F. Berger, Alltag zwischen Hamstern und Hoffen

 

In diesen Gemälden befindet sich im Umfeld von Trümmern eine Frau mit Kopftuch, Flickenschürze, stark stilisiert. Zu erkennen sind die Hände, die Steine tragen, die schaufeln, eine Eiche pflanzen (inspiriert von der Rückseite der damals neuen Währung der 50 Pfennigmünze).

Ihr Kopf ist durchkreuzt, als habe man einen Strich durch ihre Lebensvorstellung gemacht. Im Hintergrund: Abschnitte von Lebensmittelmarken und Fragmente aus einem Gedicht von Ingeborg Bachmann.

Diese Serie ist eine Hommage an die Trümmerfrauen, eine Generation Frauen, die 1945 auf den Trümmern einer untergegangenen Diktatur, auf den Trümmern ihrer Existenz und oft auf den Trümmern ihrer eigenen Lebensgeschichte ihre Kraft einsetzten, um aus dem Schutt der Vergangenheit den Weg freizuräumen für die nächste Generation.

 

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Equilibre précaire

In den Bildern équilibre précaire liegen Steine
aufgeschichtetet in einem prekären Gleichgewicht
vor dem groben Muster von Mullkompressen, hinter denen
man die Wunden erahnen kann.

Ein Stein kann einen anderen erweichen (Ingeborg Bachmann)

„Erklär mir Liebe“ (Auszug)
Dein Hut lüftet sich leis, grüßt, schwebt im Wind,
dein unbedeckter Kopf hat‘s Wolken angetan,
dein Herz hat anderswo zu tun,
dein Mund verleibt sich neue Sprachen ein,
das Zittergras im Land nimmt überhand,
Sternblumen bläst der Sommer an und aus,
von Flocken blind erhebst du dein Gesicht,
du lachst und weinst wund gehst an dir zugrund,
was soll dir noch geschehen -
Erklär mir, Liebe!
Wasser weiß zu reden,
die Welle nimmt die Welle an der Hand,
im Weinberg schwillt die Traube, springt und fällt.
So arglos tritt die Schnecke aus dem Haus!
Ein Stein weiß einen andern zu erweichen!
Erklär mir, Liebe, was ich nicht erklären kann:
sollt ich die kurze schauerliche Zeit
nur mit Gedanken Umgang haben und allein
nichts Liebes kennen und nichts Liebes tun?
Muss einer denken? Wird er nicht vermisst?
Du sagst: es zählt ein andrer Geist auf ihn...
Erklär mir nichts.
Ich seh den Salamander durch jedes Feuer gehen.

Nichts Kein Schauer jagt ihn, und es schmerzt ihn nichts.

Nichts Paul Celan